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Die Beschleunigung:



Beschleunigung

Nicht nur der Kommunikationstechnik ist das Ansteigen des Lebenstempos zu verdanken. Die Paradoxie der heutigen Zeit heißt: Je mehr notwendige, lästige Tätigkeiten abgeschafft bzw. delegiert werden an die Technik, desto weniger Zeit hat der abendländische Mensch. Hartmut Rosa hat überzeugend herausgearbeitet, dass es sich nicht nur um sein unbestimmtes Gefühl der heute Lebenden handelt, wenn sie mehrheitlich bekunden, dass ihr Leben von Streß, Hektik und Zeitnot geprägt wird und sie über immer weniger Zeit für sich und ihnen wichtige Tätigkeiten verfügen, sondern dass es in den meisten Lebenssphären objektiv seit den achtziger Jahren zu Beschleunigungsprozessen gekommen ist. Vorreiter sind hierbei die europäischen Länder Schweiz, Irland, Deutschland und Italien. Beschleunigung ist zwar ein eigenes Grundprinzip der Moderne (Rosa, S. 54), aber heute wird das Diktat der Zeiteffizienz und die Entwertung von Kontemplation und Müßiggang, die mit der kapitalistischen Produktionsweise Einzug hielten („Zeit ist Geld“), auf die Spitze getrieben. Vom Beschleunigungsschub der Gegenwart aus betrachtet, erscheint uns die Industrialisierung regelrecht „gemütlich“ (Rosa, S. 40). Rosa unterscheidet drei Hauptebenen, in denen ein gesteigertes Entwicklungstempo stattfindet: 1. technische Beschleunigung, 2. Beschleunigung des sozialen Wandels 3. Beschleunigung des Lebenstempos.



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1.
Die Beschleunigung der Entwicklungsrate in Transport, Kommunikation und Produktion verändert die Lebenswelt und Alltagskultur auf mitunter schockartige Weise und führt zu veränderten Empfindungen bezüglich des In-der-Welt-Seins und In-der-Zeit-Seins (Rosa, S. 79).

2.
Die soziale Dynamisierung lässt sich Rosa zufolge am besten mit dem Begriff der „Gegenwartsschrumpfung“ beschreiben. Sie drückt sich aus in der „Steigerung der Verfallsraten“ bei Moden, Lebensstilen, Familienstrukturen, politischen und religiösen Bindungen, Arbeitsverhältnissen (in immer kürzeren Zeiträumen auftretende Reorganisation des Arbeitsprozesses, Senkung der Beschäftigungs- und Betriebszugehörigkeitsdauer, Erhöhung der Arbeitsplatz-Mobilitätsrate) und führt zu einer außerordentlich schnellen Entwertung von sozialem und Fachwissen sowie von Erfahrungen der jeweils älteren Generation. Der Generationskonflikt erweist sich damit als überholtes Modell der Kommunikation zwischen den Generationen, als typischer Bestandteil der „klassischen Moderne“. Heute lebt jede Generation in ihrer eigenen Wahrnehmungs-, Sprach- und Erlebniswelt und kann nur noch rudimentär miteinander kommunizieren und Verständnis erwarten. Erziehung findet daher zunehmend durch Gleichaltrige statt. (Rosa S. 176ff.) “Gegenwartsschrumpfung” heißt verallgemeinert: “generelle Abnahme der Zeitdauer, für die Erwartungssicherheit hinsichtlich der Stabilität von Handlungsbedingungen herrscht” (Rosa, S. 184) bzw. „für die wir mit einer Konstanz unserer Lebensverhältnisse rechnen können“ (Lübbe 1998, in: Rosa, S. 132). Bei einer bislang nicht genau bestimmbaren Veränderungsrate wird der dauernde Wandel nicht mehr als Anpassung fester Strukturen an Basisprozesse wahrgenommen werden (können), sondern als „fundamentale und potentiell chaotische Unbestimmtheit“ (Rosa, S. 178) Dieser Zeitpunkt könnte inzwischen – auch angesichts des internationalen Finanzkollaps und des politischen Umgangs damit – für viele Menschen eingetreten sein.

3.
Die Beschleunigung des Lebenstempos zeigt sich in der Erhöhung der Zahl der Einzelhandlungen pro Zeiteinheit, in der Beschleunigung der Einzelhandlungen, in der Eliminierung von Pausen und Leerzeiten zwischen den Aktivitäten, in der zeitlichen Überlagerung von Tätigkeiten (Multitasking) und in der Ersetzung zeitaufwendiger Aktivitäten durch zeitsparende (Rosa, S. 135f. und 209f.) Beispiel sind die Verkürzung der Essens- und Schlafdauer sowie der Kommununikationszeit innerhalb der Familie, Fast food, Speed Dating, Power Nap. Die schnelle Verbreitung von globalen Nachrichten lässt die Haltbarkeit von „Weltwissen“ schrumpfen. Die geringe Lebensdauer von Konsumgütern durch raschen materiellen oder moralischen Verschleiß erfordert permanente Informationen und Angebotsprüfungen als Grundlage für Kaufentscheidungen (das betrifft neben materiellen Konsumgütern verstärkt auch den Abschluß von Versicherungen, Telefonverträgen und Finanzprodukten). Wer über viel Technik verfügt, benötigt viel Zeit für ihre Reparatur bzw. den entsprechenden Service. Informationen fließen schnell – ihre Deutung und Verarbeitung ist zeitaufwendig. Auch der Zeitaufwand für die Koordination und Synchronisation von Handlungen steigt mit ihrer Anzahl. Dies sind wesentliche Gründe für die Erfahrung von Zeitdruck, „unter den man...beim Versuch gerät, den temporal verdichteten Innovationsanfall kulturell zu verarbeiten.“ (Lübbe 1998, in: Rosa, S. 193) Folge dieses veränderten Verhältnisses zur Zeit ist z.B. die Steigerung der Lebensepisoden pro Zeiteinheit. Die kulturelle Maxime der Erlebnisgesellschaft lautet: „Je mehr Erlebnisepisoden zur Bereicherung des Innenlebens in je weniger Zeit ausgekostet werden können, desto besser“. (Rosa, S. 201) Aus dem Bewusstsein ist dabei offenbar verschwunden, dass auskosten, also genießen, per se etwas mit Zeit haben, sich quasi befristet einer Zeitlosigkeit anheim geben, zu tun hat, schnell genießen also eine contradictio in adjecto ist. Poltrum spricht in diesem Zusammenhang von der „Hyperaktivität der Gegenwartskultur“ (Poltrum, S. 92) „Der Augenblick wird mit so vielen Aktivitäten wie möglich vollgepumpt, daß es zum Phänomen der Hyperaktivität kommt.“ (Poltrum S. 94) Han interpretiert die heutige Beschleunigungskultur als einen „Mangel an Sein“: „Gerade auf das nackte, radikal vergänglich gewordene Leben reagiert man mit Hyperaktivität, mit Hysterie der Arbeit und Produktion.“ (Han1, S. 37)



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Die Verkürzung und Verdichtung der Erlebnisepisoden führt zu einer Fragmentierung der Zeitstrukturen in der Spätmoderne und zu einer signifikanten Veränderung der Zeiterfahrung und Wahrnehmung ihres schnellen Verfließens. (Rosa, S. 203) Die zahlreichen Einzelhandlungen sind dabei disparat, in hohem Maße von dem Gefühl begleitet, eine lästige Pflicht zu erfüllen und werden als wenig bis gar nicht befriedigend empfunden. Dies hat auch damit zu tun, dass die Summe dieser Handlungen und Episoden kein sinnvolles Ganzes ergibt, keine Erzählung generiert, sondern aus unvermittelten Teilen besteht, die zudem wenig sinnliche Qualitäten aufweisen oder/und einseitige Belastungen darstellen. In ihrer mangelnden Kontextualität gewinnen die Erlebnisse und Einzelhandlungen nicht mehr die Qualität von Erfahrungen und Bestandteilen von Erinnerungen. Es wundert daher nicht, dass für das, was die Menschen eigentlich gern tun würden und von dem sie behaupten, dass es ihnen die höchsten Befriedigungsgefühle verschaffe, keine Zeit mehr haben. Denn bezeichnenderweise sind dies meist Tätigkeiten, die Muße erfordern: Sex, Ballsportarten, Museumsbesuche, Angeln, Lesen, Musik hören, Besuche bei Freunden und Verwandten (vgl. Rosa, S. 223). Wer high-speed lebt und sich daran gewöhnt hat, kann nicht plötzlich auf low-speed umschalten. Das Lesen beispielsweise passt von der Tätigkeitsart her nicht mehr in den gesellschaftlichen Rhythmus. Wollen sich die Menschen entspannen und von der Alltagsgeschäftigkeit erholen, sehen sie hauptsächlich fern, lassen sich unterhalten und zerstreuen – ebenfalls ohne Nachhall. Nebenprodukt des erhöhten Lebenstempos ist folgerichtig ein „Verlust an qualitativer Individualität“ (Rosa, S. 110; siehe auch Abschnitt „Individualismus“!)) Geist und Sinn seien notwendig langsam und „hinderlich für die beschleunigten Kreisläufe der Information und Kommunikation. ... Die Informations- und Kommunikationsmasse entspringt einem Horror vacui.“ (Han2, S. 25) Wer nur „durch das Positive zappt, ist ohne Geist.“ (ebenda, S. 12)
Han sieht im übrigen die Beschleunigung nicht als das primäre Problem an. Für ihn stellt der Verlust der Zeitstruktur mit seiner temporalen Zerstreuung und Dissoziation den Kern der Zeitkrise dar. „Eine temporale Dischronie läßt die Zeit richtungslos schwirren und zur bloßen Abfolge punktueller, atomisierter Gegenwart zerfallen. Dadurch wird die Zeit additiv und jeder Narrativität entleert…Da die Beschleunigung an sich nicht das eigentliche Problem darstellt, so besteht seine Lösung nicht in der Entschleunigung. Die Entschleunigung allein erzeugt keinen Takt, keinen Rhythmus…Sie verhindert nicht den Sturz ins Leere.“ (Han 2, S. 55f.)



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Das heißt, dass die temporalen Bezugspunkte der Orientierung verloren gehen: Vergangenheit, Zukunft, Rituale, Routinen, gesellschaftliche Rhythmen, die die Zeit strukturieren und ausrichten. Auch Rosa thematisiert die „Preisgabe kollektiver Rhythmen und Zeitstrukturen“ (Rosa, S. 205), die zur Folge habe, dass Tages-, Wochen- und Jahresabläufe nicht mehr selbstverständlich – gesellschaftlich – vorstrukturiert seien und ständig neu ausgehandelt werden müßten (was selbstverständlich auch eine Folge der Multikulturalität ist). Eine Konsequenz dessen, dass der Beschleunigungsprozeß vom Staat weniger gestaltet wird, als dass er ihm hinterherläuft, er eher bremsende als dynamisierende Wirkung auf die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse ausübt (Vgl. Rosa, S. 55), besteht darin, dass soziale Institutionen ihre bisherige “wichtige Entlastungsfunktion angesichts der prinzipiellen Handlungs- und Entscheidungsoffenheit menschlicher Wesen“ (Gehlen 1986 in Rosa, S. 206) nicht mehr (ausreichend) wahrnimmt. „Die gegenwärtige gesellschaftliche De-Institutionalisierung zahlreicher Praktiken folgt so folgerichtig zu einer (zeitlichen und kognitiven) Mehrbelastung, welche zur Verknappung der Zeitressourcen und damit zur Erhöhung des Lebenstempos nicht unerheblich beiträgt.“ (Rosa, S. 206)



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Natürlich gibt es zu dieser allgemeinen Beschleunigungstendenz auch Gegenbewegungen und Beharrungstendenzen (siehe Rosa, S. 138-153), wie das bislang immer in der Geschichte als Reaktion auf Beschleunigungsprozesse der Fall war. Allerdings sind sie Rosas Ausführungen zufolge entweder „residual“ oder „reaktiv“, haben also nicht die Macht, die geschilderte Bewegung aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen. Bisher endeten alle derartige Kulturkämpfe „mit dem Sieg der Beschleuniger, d.h. mit der Einführung und Durchsetzung einer neuen Technologie“ (Rosa, S. 82). Es wird diesmal nicht anders sein. Auch Schmidtbauer schätzt etwas resigniert ein: „Der entfesselte Kapitalismus gehorcht dem Prinzip, dass nicht – wie es dem Evolutionsprinzip entsprechen würde – die Besseren die Guten verdrängen, sondern die Schnellen die Langsamen.“ (Schmidbauer: Herz, S. 104). Rosa sieht sogar die Gefahr, dass die Beschleunigungsbewegung in der Spätmoderne einen kritischen Punkt übersteigen könnte, „jenseits dessen sich der Anspruch auf gesellschaftliche Synchronisation und soziale Integration nicht mehr aufrecht erhalten“ (Rosa, S. 50) lasse. Das könnte heißen, dass „ein fundamentaler, qualitativer Wandel in den Formen gesellschaftlicher Steuerung und der individuellen Selbstverhältnisse, der die Preisgabe des Anspruchs auf individuelle und kollektive Autonomie und damit des (normativen) Projekts der Moderne impliziert“, ins Haus steht, der sich in „situativer Identität“ und „situativer Politik“ ausdrücke. (ebenda) Zu Beginn des 21. Jahrhunderts führe die Beschleunigung einen „transformativen Bruch in der sozialen Struktur, der Kultur und den Identitätsformen der modernen Gesellschaft herbei(...), der in der Tat eine andere Gesellschaft zur Folge hat.“ (Rosa, S. 56)

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